Der Wiederaufbau der deutschen Städte nach 1945 ließ viel zu wünschen übrig
Sehnsucht nach Kontinuität
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Diese rekonstruierte Fachwerkhäuserzeile auf dem Frankfurter Römerberg steht derzeit noch alleine im modernen baulichen Umfeld. Doch eine Bürgerinitiative fordert ihre Erweiterung. Foto: bilderbox
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Von Robert Schediwy
Es ist wieder soweit: "In Frankfurt kochen die Emotionen" schrieb die "taz" , und ein kurzer Blick ins Internet bestätigt diesen Befund. Anstelle des maroden und allgemein als "Waschbetonmonster" verschrienen Technischen Rathauses am Römerberg (Baujahr 1972) soll ein Neubau errichtet werden, aber die im Herbst 2005 prämierten Entwürfe des Wettbewerbes erweckten keinerlei Begeisterung. Stattdessen hat sich eine Bürgerinitiative unter Führung eines Bauingenieurs gebildet. Sie fordert eine weitgehende Rekonstruktion der mittelalterlichen Häuserzeile, die bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hier, in unmittelbarer Nähe des Doms, gestanden war.
Vielleicht hat, wie Dieter Bartetzko in der "FAZ" meinte, die Begeisterung über die wieder gewonnene Dresdner Frauenkirche den Anstoß zu der Frankfurter Initiative gegeben. Das bisher erfolgreiche elitäre Häuflein der harten Modernisten steht jedenfalls in Frankfurt einer bunten Koalition von "Rekonstruktionisten" gegenüber, die von deklarierten Kulturkonservativen bis hin zum Ex-Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) reicht. Man könne nicht gegen die Bürger bauen, meinte der in der "Frankfurter Rundschau", und: das Bedürfnis nach Geborgenheit und Heimat sei ein Faktum.
Die Wiederaufbauepoche
Wie auch immer der Streit ausgehen mag, er ist nur ein weiteres Glied einer Kette von Auseinandersetzungen, die bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreicht. Eine Ausstellung des ambitionierten Architekturmuseums der TU München dokumentierte dies im vergangenen Jahr anhand der Wiederaufbauepoche vom 1945 bis 1960. Beim Durchblättern des monumentalen Katalogbandes, Frucht eines mehrjährigen Forschungsprojektes, bleibt der Blick des Betrachters an Objekten hängen, die zum Gruseln einladen, etwa am unglaublich klobigen, gottlob nie realisierten Wettbewerbsentwurf für einen "modernen" Marienplatz in München von Franz Xaver Holzbauer aus 1948. Man sieht auch, dass damals bestimmte Gefahren schon recht gut erkannt wurden, etwa jene der "regellos geplanten Stadt" , wie sie die Deutsche Bauausstellung Nürnberg 1949 in einem Modell vorstellte, das heutiger "Investorengerechter" Planung fatal ähnelt. Man betrachtet die Pläne für einen eher traditionalistischen, wenn auch nicht genau rekonstruierenden Wiederaufbau Nürnbergs, und man entdeckt verblüfft, dass etwa ein Drittel der berühmten alten Stadt Rothenburg ob der Tauber im Krieg zerbombt gewesen ist: Die zerstörten Ortsteile wurden bis 1960 unter der Leitung des Münchner Architekten Fritz Florin wiederaufgebaut.
Je mehr man sich mit dem Thema Wiederaufbau befasst, umso mehr verstärken sich die beunruhigenden Fragen. Bei aller unbestrittenen Qualität der transparenten Nachkriegsmoderne, wie sie etwa Paul Baumgartens Musikhochschule in Berlin (1955) oder das Theater in Gelsenkirchen von Tellmann, Rave und Ruhnau (1959) repräsentieren: Wie steht es um die Grundsatzfragen des Wiederaufbaues? Wie ist aus heutiger Sicht der damals eingeschlagene Weg zu bewerten? Manches, was man in den Texten der fünfziger Jahre zu lesen bekommt, klingt nach genau jener Konfrontation von "besserwisserischen" Fachleuten und "sentimentalen" Laien, wie man sie gerade in der Frankfurter Debatte und vor kurzem in teilweise hämischen Kommentaren der Fachwelt zur Einweihung der Dresdner Frauenkirche hat wahrnehmen können.
Mit großer Offenheit heißt es im Abschnitt "Neuorientierung" auf Seite 110 des Katalogbandes schon für die Zeit unmittelbar nach 1945: "Forderung der Bürger" sei ein "Festhalten an gewachsenen Stadtstrukturen, historischen Straßenbreiten, Bauhöhen und Baufluchten" gewesen. Der Wiederaufbau sollte als "Anpassung an das überlieferte Stadtbild und -konzept mit Rekonstruktion alter Bausubstanz verwirklicht werden, um eine historische Kontinuität zu erreichen". Dem gegenüber forderten moderne Architekten eine vollständige Neuordnung, basierend auf den Prinzipien der Charta von Athen und entsprechend dem Leitbild einer "gegliederten" und "aufgelockerten" Stadt. Der von Fachkreisen durchaus wahrgenommene Wunsch der Bevölkerung nach Wiedergewinnung des im Bombenhagel verlorenen alten Stadtbildes wurde in der Regel als Äußerung von inkompetenten Laien abgetan. Winfried Nerdinger meint im Katalog der Münchener Ausstellung: "Der Wunsch nach Rekonstruktion war angesichts der zerstörten Städte bei der Mehrzahl der Deutschen ungeheuer groß. Im ganzen Land organisierten sich die Bürger in Vereinen, die für Rekonstruktionen von einzelnen Bauten, Ensembles oder ganzen Stadtteilen eintraten. Nur ein ganz kleiner Teil der Architektenschaft unterstützte jedoch die Bemühungen, die auch als Versuche abgetan wurden, mit der Rekonstruktion, die durch die NS-Zeit verschuldete Zerstörung verdrängen oder aufheben zu wollen. Die überwiegende Mehrheit der Architekten, die das Dogma der Moderne vom Primat eines ‚zeitgemäßen‘ neuen Bauens inzwischen verinnerlicht hatte, lehnte Rekonstruktionen oder auch nur vereinfachte Wiederherstellungen als Lüge, Attrappe, Kopie oder Maskerade radikal ab."
Auch die Denkmalpflege, die sich nach einer Grundsatzdebatte 1901 auf die Formel "konservieren, nicht restaurieren" hin orientiert hatte, war dem Gedanken der Rekonstruktion zunächst nicht sehr aufgeschlossen. In der Folge wurde aber die Denkmalpflege wenigstens in Bayern doch zu einem wichtigen Befürworter der Wiederherstellung von Baudenkmälern, wohl aus der Erkenntnis heraus, dass "hierin die einzige Chance zu deren Erhalt lag, denn eine Fülle von Baudenkmälern verschwand erst vollständig im Zuge des Wiederaufbaus".
Bayrische Traditionspflege
Auffällig ist, dass die Gesamtzahl der Rekonstruktionen in Bayern offenbar wesentlich höher liegt als in anderen Bundesländern. Hessen und speziell Frankfurt gerierte sich da weit "progressiver", ohne freilich mit seinem Weg ins "Mainhattan" die Sehnsucht der Bürger nach heimeligen Fachwerkbauten je ganz zum Schweigen zu bringen. Mitentscheidend für die bayrische Haltung dürfte der schon bald nach 1945 formulierte politische Wille gewesen sein, beim Wiederaufbau Modernisierung mit bewusster Traditionspflege zu verbinden. Dass die Residenzen in Aschaffenburg, München und Würzburg in so bedeutendem Maße und bis in jüngste Zeit mit großem Aufwand rekonstruiert wurden, hängt offenbar mit ihrer immer noch identifikationsstiftenden Kraft als Denkmäler bayrischer Geschichte zusammen. So wurde der schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund von Umbauten völlig verlorene Kaisersaal der Münchner Residenz bis 1985 nach alten Beschreibungen in seinem Erscheinungsbild des frühen 17. Jahrhunderts rekonstruiert. Es stellt sich die Frage, welche Wiederaufbaukonzeptionen sich besser gehalten haben: jene, die auf Modernisierung gesetzt haben, wie Hannover oder Frankfurt, oder jene, die dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Wiedergewinnung des alten Stadtbildes Rechnung trugen, etwa in Münster oder Nürnberg.
Oft wird bei den Repräsentanten des traditionalistischen Wiederaufbaues auf die Kontinuität zu den 30er Jahren verwiesen: Dies ist an etlichen Beispielen durchaus nachvollziehbar, etwa bei Rudolf Esterer, der 1945 zum Präsidenten der bayrischen Schlösser- und Seenverwaltung ernannt wurde. Er griff in seiner Rekonstruktion der Nürnberger Kaiserburg in den 50er Jahren auf Konzeptionen zurück, mit denen er schon im Jahr 1934 versucht hatte, Ergänzungen des 19. Jahrhunderts zu entfernen, um einen "ursprünglichen Zustand" wiederzugewinnen. Es liegt nahe, hier eine postfaschistische Kontinuität zu vermuten, zumal die Kaiserburg ja als nördlicher Fluchtpunkt der geplanten großen Straße in der NS-Konzeption einen direkten Bezug zum Reichsparteitagsgelände im Süden gewinnen sollte.
Trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass auch modernistische Architekten wie etwa Fritz Tamms – nach Kriegsende der Stadtplaner Düsseldorfs und zuvor der "Meister der Flaktürme" – eine "nationale" Vergangenheit hatten. Tamms selbst meinte, dass man das neue Bauen nicht mit "demokratisch" gleichsetzen könne, und der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme resümierte zynisch: "Manchem alten Nazi wurde vergeben, wenn er sich zum neuen Bauen bekehrt hatte." Beyme explizierte das etwa am Fall des österreichischen Städteplaners Roland Rainer, der noch 1944 als "biologistischer Ideologe" das Einfamilienhaus gepriesen hatte, weil es überall dort vorherrsche, wo "nach Gobineau die Fülle arischen Wesens konzentriert sei".
Die "Faschismuskeule"
Man muss mit Missvergnügen feststellen, dass die "Faschismuskeule" zunehmend gegen alles Populäre in der Ästhetik, aber auch in der Wirtschaft geschwungen wird. Neuerdings scheint sogar der Sozialstaat der Nachkriegsjahrzehnte in Gefahr zu sein, als Fortsetzung faschistischer Modelle denunziert zu werden. In Wahrheit stellt sich hier, wie auf vielen anderen Gebieten, die Frage, ob es nicht das Versagen der Demokratien in der materiellen und immateriellen Existenzsicherung war, die dem politischen Wahnsinn Tür und Tor öffnete. Nicht "Arbeitsbeschaffung" wäre zu kritisieren, sondern dass die deutsche Demokratie dazu unfähig war und sie der pervertierten Rüstungskonjunktur Hitlers und Schachts überlassen musste. Nicht populäre Ästhetik wäre zu kritisieren, sondern dass es den Antidemokraten überlassen wurde, sich ihrer zu bemächtigen. Auch der Wiederaufbau nach 1945 stellt ähnliche Fragen: Ist es "vergangenheitszugewandt", den Bewohnern zerstörter Städte ihr vertrautes Stadtbild oder zumindest dessen zentrale Bauten wiederzugeben, oder ist es progressiv und demokratisch? Thomas Mann berichtete 1949 für die "New York Times" über den erschütternden Eindruck des zerbombten Nürnberg, den er auf seiner ersten Deutschlandreise gewann: Er sah nur Trümmer, aber ein alter Museumsdirektor zeigte ihm von der Kaiserburg aus die Stadt und ihre Monumente so, als stünden die alle noch. "Nichts war mehr da, aber er beredete sich, es noch zu sehen. Es war zum Weinen", schließt der Bericht. In der Zwischenzeit ist das, was der alte Direktor und mit ihm Millionen zu sehen wünschten, in beachtlichem Ausmaß wieder errichtet worden. Wer sich Ernst Blochs Diktum, Architektur habe dem Menschen Heimat zu schaffen, verpflichtet fühlt, wird auf die Verfertiger solcher "Geschichtslügen" schwer den ersten Stein werfen können. Vielleicht entspringt auch Hilmar Hoffmanns späte Weisheit der Rückbesinnung auf Bloch.
Literatur: Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945 – 1960, Hg. von Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Inez Florschütz. Pustet Verlag München, 2005.
Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Kulturpublizist in Wien. Er ist Mitglied des Denkmalspflege-Komitees ICOMOS.
Printausgabe vom Samstag, 13. Mai 2006
Update: Freitag, 12. Mai 2006 16:56:00